| Verein für die Geschichte der Stadt Bacharach und der Viertäler e. V. |
| Die Wernerkapelle Ein Denkmal erhebt Anspruch - Weg einer Bürgerinitiative von Arnold Wolff und Peter Keber. aus dem Heimatbuch: " Bacharach
und die Geschichte der Viertälerorte ", Seiten 311-318 Zurück zur Seite 1 - Als 1689 die Burg Stahleck gesprengt wurde, zerstörten herabfallende Trümmer die Fenster und Dächer der Kapelle. Der nicht mehr genutzte Bau verfiel immer mehr, bis um 1759 die Nordkonche abgetragen und 1787 Dächer und Gewölbe entfernt wurden. Damit war der heute sichtbare Zustand erreicht. Spätere Maßnahmen dienten nur noch dem Erhalt der Ruine. Die Wernerkapelle darf als eine der edelsten und reifsten Schöpfungen der Gotik in Deutschland gelten. Trotz der späteren Fertigstellung scheint der ursprüngliche Baugedanke unverfälscht verwirklicht worden zu sein, ja man hat sogar den Eindruck, daß man um 1425 nicht aus Verehrung für den Knaben Werner, sondern auch wegen der als besonders kostbar empfundenen Architektur die Vollendung anstrebte. Möglicherweise errichtete man damals den jetzt noch teilweise vorhandenen einjochigen Westbau statt einer vielleicht ursprünglich vorgesehen vierten Konche. Dieser schließt unmittelbar an die Vierung an, von der nach Norden und Süden Konchen mit Fünfachtelgrundriß ausgehen. Der in gleicher Weise gebildete Ostchor ist durch ein zusätzliches Zwischenjoch hervorgehoben. Obwohl die Grundgestalt klar und einfach zu sein scheint, läßt sie sich nur schwer einordnen. Am ehesten mag man an eine Reduzierung der Liebfrauenkirche in Trier denken. Jedenfalls hat der sicherlich bedeutende Architekt seine Aufgabe hervorragend gelöst, galt es doch, auf dem extrem ungünsten Bauplatz ein möglichst eindrucksvolles Bauwerk zu errichten. Da wegen der Hauptansicht von Osten, also vom Rheinstrom her, und wegen des nach Westen steil ansteigenden Berges eine aufwendige Westfront als Kunstform ausschied, bot eine Dreikonchenanlage nicht nur die beste Entfaltungsmöglichkeit, sondern auch die günstigere Nutzung. Der Südchor dient der Aufstellung des Werner-Sarkophages, der Ostchor der eucharistischen Liturgie und dem Chorgebet, der Nordchor mußte als Eingangshalle herhalten, denn die Westseite war vom Tal her nicht zu erreichen. So fand der Pilger trotz der gedrängten Anordnung durchaus vertraute Verhältnisse wieder; Heiligenbäder im Querhaus finden sich häufig, vgl. Marburg, St. Elisabeth und den Santo in Padua. Oberhalb der Fensterbank sind die Chöre vollständig in feingliedriges Stabwerk aufgelöst. Schlanke drei- und vierbahnige Fenster werden von Maßwerken in reinsten hochgotischen Formen gekrönt. Außen entwachsen den schlichten, mit Blendarkaden geschmückten Strebepfeilern steile Wimperge und Fialen, im Osten reicher, nach den Seiten wohlabgestuft reduziert. Zwölf Wasserspeier in Tiergestalt entspringen dem vorragenden Dachgesims, das ursprünglich zweifellos eine von hohen Fialen überragte Maßwerksbrüstung trug. Wenn auch das Formengut weitgehend dem des Kölner Domes entlehnt ist, so sollte man sich doch nicht ohne weiteres der nur selten in Frage gestellten Behauptung anschließen, die Wernerkapelle sei von der Kölner Hütte entworfen oder gar ausgeführt worden. Eine sorgfältige Untersuchung würde vermutlich mindestens ebenso nachhaltige Einflüsse aus dem Umkreis des Straßburger Münsters und überhaupt des Ober- und Mittelrheins nachweisen können. Darüber hinaus muß man mit einem erfahrenen Baumeister rechnen, der die Architektur seiner Zeit souverän beherrschte und deren Formenschatz gezielt einzusetzen verstand. Seiner technischen Meisterschaft ist die bemerkenswert solide Ausführung zu verdanken, übrigens der wichtigste Grund dafür, daß die unter seiner Leitung entstandenen Teile allen Zerstörungen widerstanden haben. Wenn auch zu allen Zeiten die Schönheit und die besondere Bauart der Kapelle hervorgehoben wurden, so begann ihr wirklicher Ruhm bezeichnenderweise doch erst genau in jenem Augenblick, da der uns heute vertraute Ruinenzustand eingetreten war. Noch vor 1790 entstanden die ersten Zeichnungen reisender Engländer, die als erste die zerfallene Kapelle entdeckten: die Rheinromantik begann. In ihren zahllosen literarischen und künstlerischen Dokumenten schlug sich eine Stimmung nieder, die einen völligen Wandel des Denkens, eine Umkehr des Bewußtseins anzeigt. Das Zeitalter der Aufklärung ging zu Ende, eine neue Epoche brach an. Fragt man, was das enge Rheintal auf der verhältnismäßig kurzen Strecke zwischen
Bingen und Koblenz zu einem solch bedeutenden Faktor im Gesamtbild der romantischen
Bewegung des späten 18. und 19. Jahrhunderts gemacht hat, so kommt man bald darauf, daß
es Gegensätze waren, die sich hier zeigten und die die empfindsamen Gemüter jener Zeit
so zu erregen vermochten. Die Wildheit des noch unregulierten Flusses, die Schroffheit der
Felsen und Burgruinen und auch der rohe Betrieb der Rheinschiffahrt kontrastierten
auffällig zu dem lieblichen Bild der kleinen Dörfer und Städte, zu der freundlichen
Atmosphäre auf Märkten und Gassen. Die dichteste Ballung von Gegensatzpaaren dürfte
dabei Bacharach geboten haben. Hinter der heiteren, malerischen Kulisse des Ortes,
eingebunden in das dunkle Grün der Wälder, erhob sich in mathematischer Kühle und wie
von einem Genius aus einer anderen Welt ersonnen die scharfgeschnittene Ruine der Die Denkmalpflege hat dies seit den ersten Sicherungsmaßnahmen im Jahre 1847 gesehen. Paul Clemen betont es in seinem Bericht über erneute Konservierungsarbeiten im Jahre 1901: Ein etwaiger Ausbau würde das einzigartige Gesamtbild sofort stören. Heute, da das Ruinenbild selbst das unverdächtig denkmalwürdige Alter von fast zweihundert Jahren erreicht hat, ist der kostbare kleine Bau erneut in Gefahr. Die Zinkabdeckung aus dem 19. Jahrhundert, auf alten Photos noch sichtbar, wurden 1932 nach einem Sturmschaden aus ästhetischen Gründen durch einfache Schieferplatten ersetzt. Diese verschoben sich im Laufe der Jahre oder fielen gar herab. Das Wasser konnte nun von oben in die Mauerkrone eindringen und richtete dort, besonders bei Frost, beträchtliche Schäden an. Dabei wurde das Mauerwerk so geschwächt, daß es die Schubkräfte aus den beiden noch vorhandenen Vierungsbögen nicht mehr aufnehmen konnte. Das seit zwei Jahrhunderten stabile Gebäude geriet wieder in Bewegung und das in einem Maße, das zu schlimmsten Befürchtungen Anlaß gab. In dieser Phase konnten geringfügige Anlässe zum Einsturz weiterer Bauteile führen. Glücklicherweise haben inzwischen die ersten Arbeiten zur Sicherung der Ruine begonnen. Hierzu bedurfte es einer Bürgerinitiative - einer Initiative von Bürgern der Stadt Bacharach und interessierten Kunstfreunden aus allen Regionen der Bundesrepublik. Weder das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 noch ständiges Mahnen in den Jahren davor und danach brachten der von dem Verfall bedrohten Wernerkapelle das, was ihrer Bedeutung angemessen ist. Seitens der Bürgerinitiative galt es nicht anzuprangern und Anspruch zu erheben. Den Anspruch erhebt das Denkmal Wernerkapelle selbst. Es galt vielmehr, Probleme zu erkennen, Phantasie zu entwickeln und das Engagement interessierter Bürger, die um den kunsthistorischen Wert des Wahrzeichens ihrer Stadt wissen, in die richtige - die positive, die konstruktive - Richtung zu lenken. Bürgerinitiativen werden allzuleicht mit negativem - destruktivem Anstrich versehen -
wie sollen sie dann noch konstruktive Ideen entwickeln? Welches Problem auch immer seitens
einer Bürgerinitiative aufgegriffen wird - sie sollte in jedem Falle von positivem Denken
und Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten beherrscht sein. |