Verein für die Geschichte der Stadt Bacharach und der Viertäler e. V.
Die Wernerkapelle
Ein Denkmal erhebt Anspruch - Weg einer Bürgerinitiative
von Arnold Wolff und Peter Keber.
aus dem Heimatbuch: " Bacharach und die Geschichte der Viertälerorte ", Seiten 311-318
herausgegeben von Friedrich Ludwig Wagner
Verlag: Verein für die Geschichte der Stadt Bacharach und der Viertäler e. V., D-55419 Bacharach am Rhein

Weithin im Rheintal sichtbar steht oberhalb der Stadt Bacharach, eingebettet in Wälder und Rebenhänge, die Ruine der aus rotem Sandstein erbauten Wernerkapelle auf einem Felsvorsprung zwischen der romanischen Pfarrkirche St. Peter und der auf der Berghöhe aufragenden Burg Stahleck.

Die Ruine, die als Wahrzeichen der Stadt Bacharach gilt, befindet sich seit vielen Jahren im Zustand höchster Gefährdung.

Abgesehen von der Selbstverständlichkeit, möglichst alle Überreste des Kunstschaffens vergangener Epochen zu bewahren, gibt es bei der Wernerkapelle noch drei besondere Gründe für die Erhaltung des noch vorhandenen Bestandes in der heute sichtbaren Form; ihre denkwürdige Entstehung im Zusammenhang mit wüsten Ausschreitungen gegen die Juden, ihre Bedeutung als hochgotisches Kunstwerk und ihre Rezeption im Zeitalter der Romantik.

Voller Tragik ist die Vorgeschichte. Der Mord an dem Knaben Werner, dessen Leiche man in der Karwoche 1287 in Bacharach fand, wurde ohne vernünftigen Grund der Judengemeinde im benachbarten Oberwesel zur Last gelegt. Sofort setzte in den Rheinstädten eine wilde Judenverfolgung ein, der über 40 Menschen zum Opfer fielen. Gleichzeitig pilgerten die Volksmassen zum Grabe des als Märtyrer verehrten Werner, den man in der kleinen Kunibertskapelle auf dem Friedhof oberhalb der Bacharacher Pfarrkirche beigesetzt hatte. Obwohl die höheren kirchlichen und weltlichen Stellen sich zurückhielten, ja die Wallfahrt mißbilligten, war die Volksbewegung nicht aufzuhalten. Gelegentliche Ablässe zugunsten der Kunibertskapelle wurden bereitwillig als kirchliche Zustimmung aufgefaßt.

Bald nach 1289 muß mit dem Neubau begonnen worden sein, der um die alte Kapelle herum angelegt wurde. Bereits 1293 wurde der Südflügel geweiht. Der Ostchor folgte bis um 1320. Die vollendeten Teile erhielten Dächer, aber keine Gewölbe. Nach einer vorläufigen Weihe im Jahre 1337, bei der auch die Nordkonche bis in die Fensterbankhöhe gestanden haben dürfte, blieb der Bau unfertig liegen, hauptsächlich wohl, weil die erwartete Heiligsprechung Werners ausgeblieben war. Um diese doch noch zu erreichen, ließ der Frühhumanist Winand von Steeg, seit 1421 Pfarrer in Bacharach, in den Jahren 1428 und 1429 die Aussagen von 211 Personen zu Protokoll nehmen und setzte damit den Kanonisationsprozeß erneut in Gang. Obwohl Rom auch diesmal nicht reagierte, führten die Aktivitäten Winands zur Fortsetzung des Baus. Noch bevor er 1438 aus dem Pfarramt schied, dürften die Nordkonche, der kurze Westbau und die Gewölbe in allen Teilen der Kapelle vollendet gewesen sein.
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